Interview

Interview mit Christoph Mijnssen, Schlossmitbesitzer

Fragen von Susan Widrig im August 2018

 

Wann kam euch die Idee, ein Schloss zu kaufen? Gab es einen konkreten Anlass, war es eine idée fixe, ein Bedürfnis, ein Missionsgedanke, ein lange gehegter Wunsch…? Uns kam nie die Idee, ein Schloss zu kaufen! Wir wohnten in Basel und waren „städtisch“ urban ausgerichtet. Wir begannen uns aber zu überlegen, dass wir unseren Kindern (zwei unserer drei Söhne waren schon da) als Grunderlebnis mehr Verankerung in der Natur mitgeben möchten. Schon früher hing bei uns ein Bedürfnis nach einem Ort für „wirkliche Erholung“ in der Luft. Ein Bedürfnis, das uns hellhörig auf Ortsqualitäten machte. So schwebte auch der Wunsch umher, die Geborgenheit und „Tiefe“ beispielsweise eines schönen Klostergartens in Kombination mit freiem Geist, ohne kirchliche Doktrin erleben zu können. Dies kombiniert mit klassenlos „schöner“, ehrlicher und nachhaltiger Küche – auch mit und für Kinder. Vor dem inneren Auge und im Suchfokus war dann effektiv ein grosszügiges älteres Haus in der Art eines grossen Bauernhauses oder ein „Fabriggli“ in der Nähe eines Wasserlaufes oder Waldes. Mit eingeplant waren ein Seminarraum für Forschungsprojekte, zwei Arbeitsateliers, unsere Wohnung und zwei bis drei Ferienwohnungen für Leute, die Erholung „nötig“ hatten. In diesem Umfang hätten wir die Gäste persönlich betreut…

Wie wurdet ihr auf das Schloss Wartegg aufmerksam? Wann kamt ihr zum ersten Mal hierher? Was waren die ersten Eindrücke? Wir begannen in der Nähe des „Dreiländerecks“ am See zu suchen, damals neben anderen Kontakten u.a. auch in der „Rorschacher Zeitung“. Dort sahen wir im Dezember ’93 ein Inserat mit dem Titel „Wer hilft Schloss Wartegg aus dem Dornröschenschlaf zu wecken?“. Trotz Affinität zu Märchengeschichten lagen die versteckten Probleme eines solchen Unternehmens auf der Hand und unsere Reaktion war, es unter „Vermischtes“ abzulegen… Von einem angefragten Liegenschaftenvermittler kam einige Wochen später die Antwort, dass „auf dem Markt“ nichts zu finden sei, was ungefähr unserem Wunsch entspreche – allerdings gebe es ein Objekt, das „etwas grösser“ sei. Man könne sich dieses ja unverbindlich anschauen. Während der Basler Fasnacht 1994 besichtigte Christoph dann dieses „Etwas“, heute wäre der treffende Begriff dafür: Ein „blind date“.

Welches eindrücklichste Bild habt ihr von diesem ersten Besuch mit nach Basel genommen? Jahreszeit? Der Blick durch die Alleen des zauberhaften Parkes auf diese angeschlagene „old Lady“ – dieses nicht wirklich kleine Schloss, das inmitten der Baumriesen fast zierlich wirkte.

Wie wirkte der Park? Wie wirkte das Schloss? Obwohl der Fokus bei dieser Besichtigung auf dem Gebäude lag und nicht auf der Natur rundherum, war für mich und dann auch für Angelika die Atmosphäre des Parkes beinahe unfassbar. Jenseits von irgendwelchen Eigentumsüberlegungen war es einfach unglaublich, dass ein so zauberhafter Ort existierte. Schwer zu fassen war auch der erbärmliche bauliche Zustand des Schlosses! Und die eher pompöse Inszenierung und Dokumentation für Kaufinteressierte.

Passierte etwas ganz Besonderes? Faszinierendes? Ich nahm die Erläuterungen der Verkäufer auf dem Weg durchs Schloss zur Kenntnis und hatte im Sinn, danach die Begegnung mit dem Schloss ad acta zu legen. Weil das Ganze sicher eine Grössenordnung zu gross erschien, und der Zustand unabsehbar war. Am Schluss ergab sich aber ein ungestörter Moment des Hinhorchens in dieses Haus als Wesen – ein Moment, welcher mich in der unmittelbar spürbaren Freundlichkeit des Hauses in gewisser Weise überrumpelte.

Inspiration: War da gleich eine Vision für eure Zukunft? Rasch tauchten Bilder eines regen Ein und Aus von Leuten auf, die sich hier treffen oder erholen. Und es zeigte sich, dass dies vom Arbeitsumfang her allerdings nicht mehr ein Zweipersonen-Projekt wäre, sondern ein komplexerer, professionell zu organisierender Betrieb.
Der Kauf war aber nach wie vor nur eine Option, denn es galt alles (Unternehmensperspektive, Nachfrage, Finanzierung, Lebensperspektive) reiflich zu überlegen und parallel dazu zu verhandeln.

Wie wurdet ihr beraten? Was wolltet ihr wissen? Fragen, Probleme, Zweifel, Widerstände, Diskussionen…? Wir abeiteten für den Kauf (für den wir uns dann bekanntlicherweise doch entschieden haben) mit einem befreundeten Treuhänder zusammen. Und ab Herbst 1994 mit dem Hotelier und Hotelberater Martin Volkart (Solothurn). Dies in gestaltender Zusammenarbeit mit den Architekten Susanne Nessensohn (Frauenfeld) und Yost Wächter (Gockhausen). Sie gaben nach Abschluss des Vorprojektes den Auftrag an ihre Kollegen Daniel Hagi und Beat Leeger (Zürich) weiter. In der Realisierungsphase stimmten wir uns dann bereits mit unserem „Gründer-Hotelier“ Hans-Jakob Würsch ab (heute im Hotel Dom, Sankt Gallen). Besprechungen fanden über fast vier Jahre jeweils in Angelikas Töpferei/Keramik-Atelier im Gundeli-Quartier in Basel statt. Für Termine vor Ort besprachen wir uns jeweils auf der Anreise, in der Bahn. Sicher zwei Jahre lang beschlich uns jedes Mal beim Hinauflaufen von Staad ein mulmiges Gefühl, welches sich im Winter 1994 verstärkte, als wir entdeckten, dass der Hausschwamm im Schloss nach wie vor (trotz Behandlung anfangs 80-er Jahre) aktiv war. Hinweise darauf waren vor dem Verkauf wohl gezielt entfernt worden, ohne dass dies dem beigezogenen national anerkannten Experten aufgefallen wäre. Die Lösung des (flächendeckenden) Problems Hausschwamm nötigte dem Planungsteam mehr als 9 Monate ab, und wir suchten auf dem ganzen Kontinent, bis nach Dänemark nach baubiologisch akzeptablen und innovativen Lösungen. Lösen konnten wir das Problem schliesslich unter Beizug eines ausländischen Experten und durch monatelange sorgfältigste Arbeit eines ausgewiesenen langjährigen Praktikers aus der Ostschweiz. Dies nur als ein Beispiel für die Hürden, die zu überwinden waren.

War da immer die Idee eines (Seminar-) Hotels mit „ökologischer Ausrichtung“ oder hat sich die Idee entwickelt und verändert? Vom Zusammenspiel dieses etwas verwilderten Parks mit dem Schloss bot sich ein behutsamer Umgang mit der Natur an – eine Art „Landwirtschaft wie zu Kaiserin Zitas Zeiten“,  das heisst: Gemäss der früheren Tradition, ohne mineralisch-chemische Dünger, Insekten- und Pflanzenschutzmittel. Zumal wir ja den alten Paradiesgarten als Küchengarten wieder beleben wollten. Die Idee enstand also „vor Ort“, so wie auch die historische Qualität eine sehr hohe handwerkliche Qualität auf allen Ebenen nahe legte. Das ursprüngliche Konzept war damals noch etwas näher an einem „Slow Food“ Bistro-Konzept, was in unserer Gegend wohl erst heute wirklich verstanden würde…

Könnt ihr einen wirklich kurzen Abriss vom ersten Besuch bis zur Eröffnung des Hotels geben? Unterzeichnung des Kaufvertrags 29.4.1994, im Herbst 1994 konkreter Beginn der Hotel- und Restaurantplanung, 1995 konzeptionelle Lösung der Hausschwamm-Problematik, klar umrissenes Raumprogramm, Frühling 1996 Abschluss des Vorprojektes und nochmalige komplette Überarbeitung, Frühling 1997 Beginn der Umbauarbeiten. Und am 15. August 1998 war die offizielle Eröffnung des Betriebes mit ersten Gästen zum Frühstück.

und jetzt: Gibt es Visionen für die Zukunft? Wie Helmut Schmidt einmal  sagte: „Wer Visionen hat, sollte besser zum Arzt gehen…“
Oder: Wer Visionen erzählt, braucht bald einen Arzt – eine ausgeplauderte Vision ist ein Projekt, auf welches man sehr rasch fixiert wird. D.h. ein Korsett.
Gewiss denken wir aber für die Zukunft!

Herzlichen Dank der Familie Mijnssen